Besondere Umstände – Episode 19, Teil 1

Benni und Antje und Eva haben geredet über…

… Köln

Die Audioqualität ist leider (noch) schlechter als gewohnt, weil wir die Sicherungsaufnahme des schlechteren Geräts nehmen mussten, weil Antje die Aufnahme wieder mal vermasselt hat. 

Beim zweiten Teil nach der Pause hat die Aufnahme dann geklappt, die wird dann später in Episode 19, Teil 2, nachgereicht. Wenn diverse Konvertierungsprobleme gelöst sind. (Man soll sich nie neue Geräte kaufen und Programme nie updaten.)

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3 Kommentare zu Besondere Umstände – Episode 19, Teil 1

  1. susanne sagt:

    Liebe Antje, lieber Benni, liebe Eva,

    das ist einer der intelligentesten Beiträge aus der Linken, die ich in den letzten Tagen gelesen beziehungsweise gehört habe, und zwar intelligent gerade wegen der Ratlosigkeit, die sich wohltuend von den reflexhaften Reaktionen der letzten Tage abhebt. Die einen reagieren reflexhaft mit Rassismus, die anderen reagieren reflexhaft mit Antirassismus. Leider auch Shehadistan, und leider ist das auch Antjes erste Bemerkung. Der Rest ist aber besser.

    Ich wollte erst Minute für Minute kommentieren, aber das wäre doch zu viel Aufwand gewesen. Die Notizen, wann was zu hören ist, lasse ich unten stehen.

    Die Ereignisse der Silvesternacht stellen Linke und antirassistische AktivistInnen vor ein Dilemma, da sie genau dem rassistischen Narrativ vom „südländischen/schwarzen“ Mann und der weißen/blonden Frau entsprechen. Wie kann man über diese Ereignisse sprechen, ohne in Rassismus zu verfallen und ohne sie zu verharmlosen. Die Polizei und vermutlich auch zuständige PolitikerInnen haben das Dilemma durch ihre Informationspolitik verschlimmert, indem sie Lügen erzählt haben, so dass Menschen, die sich wie Antje sehr früh zu Wort gemeldet haben, auf falscher Faktengrundlage geredet haben.

    (Andererseits war von Anfang an klar, dass es sich um Menschen handelt, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammen.“ Anfangs dachte ich, wie die meisten wahrscheinlich, es handle sich um Banden von Taschendieben, und hoffte, es seien keine Flüchtlinge, obgleich früh bekannt wurde, dass einige kontrollierte Menschen sich mit Bescheinigungen des BAMF auswiesen. Ich dachte: das sind nicht alle, sie können diese Bescheinigungen geklaut haben… Ich dachte aber auch: Wenn das wirklich Banden von Taschendieben sind, handelt es sich da wohl um ein Problem, das diskutiert werden muss: wie konnten solche Banden dermaßen außer Kontrolle geraten? Und welche sozialen Probleme gibt es, dass solche Banden entstehen können?)

    Jetzt, wo so langsam klar wird, was passiert ist, kann man anfangen, nach Ursachen zu suchen. Ich bin mir aber immer noch nicht sicher, ob wirklich klar ist, was passiert ist. Heute morgen habe ich gelesen, dass Heiko Maas darüber spekuliert, ob die Übergriffe in verschiedenen Städten (Köln, Hamburg, Stuttgart, Bielefeld) nicht möglicherweise das Ergebnis einer Verabredung waren.

    Die konkreten Ereignisse in Köln sind anscheinend mittlerweile deutlich geworden. Eine Menge von ungefähr tausend „nordafrikanisch aussehenden“ Männern hat dafür gesorgt, dass der Weg vom Bahngleis zum Ausgang des Bahnhofs für Frauen zu einem Spießrutenlaufen wurde. Einzelne Gruppen haben sich aus dieser Menge gelöst und Frauen massiv belästigt, ihnen unter die Röcke gefasst und Strumpfhosen und sogar Slips zerrissen.

    Elquee (http://www.prinzessinnenreporter.de/silvester-in-koeln-einige-anmerkungen/) hat recht, wenn sie schreibt, es waren nicht tausend, sondern vierzig Täter. Aber die vierzig hätten ihre Taten ohne die restlichen 960 Menschen nicht verüben können.

    Im Gegensatz zu den meisten anderen sich als feministisch verstehenden AutorInnen bin ich der Ansicht, dass diese Attacken in Köln tatsächlich eine andere Qualität als die gewöhnliche Situation in Deutschland darstellen. Natürlich ist auch Deutschland kein feministisches Paradies. Aber viele Frauen fahren freiwillig zum Oktoberfest oder zum Kölner Karneval. (Ich nicht – ich mag generell weder Menschenmassen noch Alkohol.) Sie würden es nicht tun, wenn es dort zuginge wie in der Silvesternacht in Köln oder Hamburg.

    Ich habe ein paar Ideen, warum dies so sein könnte. Ich beanspruche nicht, dass diese der Weisheit letzter Schluss sind, aber ich fände gut, wenn darüber geredet wird. Ich vermute, dass die sexuellen Übergriffe auf dem Oktoberfest (Po grapschen, Busen grapschen) sich auf einem Level bewegen, mit dem die Besucherinnen umgehen zu können meinen, sowohl von der Wahrscheinlichkeit, betroffen zu sein, als auch von der Schwere her als auch von der Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen. Für ziemlich viele Frauen stellt sich das als Illusion heraus – für die meisten aber nicht.

    Wer am Kölner Bahnhof aber zu Silvester aus dem Zug ausgestiegen ist, muss in eine Situation kompletten Ausgeliefertseins geraten sein, in der es eben nicht möglich war, durch Ausweichen oder einen Umweg nehmen den Übergriffen zu entkommen, in der die Übergriffe schwere waren als das häufig angesprochene „auf den Po fassen“, und in der viele Menschen – eben die anderen 960 Männer – dabei waren und nichts taten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Oktoberfest eine solche Situation des Ausgeliefertseins bedeutet, sonst würden Frauen es meiden. Häusliche Gewalt ist auch nicht alltägliche Erfahrung für alle Frauen, nämlich für die nicht, die nicht mit einem gewalttätigen Mann zusammenleben, und das sind, glaube ich, die meisten. Alle Frauen leben damit, dass das Risiko sexueller Gewalt allgegenwärtig ist – aber Risiko ist etwas anderes als die Unausweichlichkeit und Ohnmacht, die die Frauen am Bahnhof erlebten.

    Wenn man Mitgefühl, Respekt und Empathie für die Opfer ausdrücken will, müsste man erst einmal erfassen versuchen, was die Nacht für sie bedeutet hat. Dies geschieht nicht, indem man nach dem ersten Satz, in welchem man Mitgefühl bekundet, sofort auf Rassismus oder Alltagssexismus in Deutschland zu sprechen kommt.

    Ich habe oben geschrieben, dass die Schwierigkeit darin besteht, wie man mit den Vorfällen in Köln umgehen soll, ohne in Rassismus zu verfallen. Ich denke, wenn man sich das ganze Jahr über mit Rassismus und Alltagssexismus befasst, sollte man genügend reflektiert sein, dass man sich über die Vorfälle in Köln äußern kann, ohne vor eigenem unbewussten Rassismus Angst zu haben – dann sollte man imstande sein, über diese Vorfälle zu reden und ihnen nicht auszuweichen, indem man sofort über alles mögliche andere spricht.

    Das erste wäre also, dass man über diese Vorfälle in einer Weise spricht, die sie nicht verharmlost. Das zweite ist die Herkunft der Täter, und hier wird es heikel. Es wäre schon heikel gewesen, wenn es sich um Banden von Taschendieben gehandelt hätte, es ist noch heikler, wenn es Flüchtlinge sind, gerade wegen der politischen Debatten der letzten Monate. Einerseits handelt es sich bei den Vorfällen der Silvesternacht eben um Vorfälle, die für Deutschland nicht typisch sind (womit ich nicht sagen will, dass es hier keine sexuelle Belästigung gäbe), andererseits sollte man es vermeiden, die Herkunft der Täter zur Ursache, womöglich noch zur unausweichliche Ursache erklären. Irgendwie hat die Herkunft etwas damit zu tun – aber sie ist eben nicht unausweichliche Ursache. Das gilt auch für die „Kultur“. Wie Antje habe ich Erinnerungen an einen Urlaub im Nahen Osten, und die Erinnerungen an intensive Anmache verfolgten mich eine Weile. Es war aber intensive Anmache, die ich mit einem intensiven „Nein“ stoppen konnte. Es waren keine schönen Erlebnisse, so intensiv „Nein“ sagen zu müssen – aber eben keine sexuelle Gewalt. Ich habe aber auch von Frauen gehört, die im vergewaltigt wurden, eine von einem Freund des Fremdenführers.

    Ein anderer Punkt, den Antje angesprochen hat, und den ich bedenkenswert finde, ist die Gewalt auf dem Tahrir-Platz. Ich weiß nicht, wie weit diese Gewalt mittlerweile schon aufgearbeitet ist. http://zumpad.zum.de/p/ml-koeln schreibt, dass es darum gegangen sei, Frauen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Möglicherweise ging es auch hier um Raum: Ein wichtiger öffentlicher Raum, der Bahnhof, wurde von besetzt, und die Polizei war erst einmal hilflos. Die Frauen dort waren die Hauptleidtragenden.

    Spekulationen über Signale, die Menschen aus anderen Kulturen nicht richtig verstehen, finde ich fragwürdig. Auch ohne Signale weiß jeder Mensch, egal aus welcher Kultur, dass man Frauen nicht unter den Rock greift und ihre Unterhose zerreißt. Und in Zeiten, wo jeder einen Fernseher hat, wissen auch alle Menschen, wie Frauen in westlichen Ländern herumlaufen. Man sollte diese Männer diskutieren, wie wir hiesige Männer diskutieren würden: Es geht nicht um Sexualität, sondern um ein Gefühl von Macht (welches möglicherweise auch Lustgewinn verspricht), dem die Ohnmacht der Opfer gegenüber steht.

    Vielleicht höre ich da einfach auf und formuliere das als Aufgabe: einerseits akzeptieren, dass die Gewalt in der Silvesternacht eine andere Qualität hat als die hierzulande leider ebenfalls übliche Form der sexuellen Belästigung, andererseits eine klar antirassistische Position einnehmen und simple Erklärungen mit „Kultur“ vermeiden. Vielleicht kommt man von dort aus zu Erkenntnissen.

    Vielleicht noch ein paar Anmerkungen:

    An einer Stelle sagt Benni, der Diskurs laufe Amok, wenn sich verschiedene Unterdrückungsachsen überschneiden. Mir fallen da drei Beispiele ein: Muslime und Antisemitismus, Muslime und Homophobie und (wie jetzt) Muslime und Sexismus. Bei allen drei Beispielen, vor allem aber dem ersten gilt, dass „unsere“ Kultur nicht frei von diesen Problemen ist. Es besteht dann ein schmaler Grat zwischen der Projektion des eigenen Antisemitismus auf die Muslime – oder vielleicht kann ich es noch anders sagen: Die Projektion besteht darin, dass Muslime als die eigentlichen Antisemiten gesehen werden. Anschließend kann man muslimischen Antisemitismus entweder umso heftiger bekämpfen, um den eigenen Antisemitismus nicht wahrnehmen zu müssen, oder man kann den eigenen Antisemitismus ausleben, ohne ihn benennen zu müssen, indem man den Antisemitismus der Muslime verharmlost. Wie immer man sich zu muslimischem Antisemitismus stellt, man ist immer gefährdet, und die einzige Lösung besteht darin, sich mit dem eigenen Antisemitismus zu beschäftigen, so dass man Sicherheit im Beurteilen des Antisemitismus‘ anderer Leute gewinnt.

    Ähnlich müsste es auch mit den Vorfällen in Köln sein. Wer sich regelmäßig mit Themen wie sexueller Gewalt und Rassismus beschäftigt, sollte über die Vorfälle von Köln sprechen können, ohne auf andere Themen auszuweichen.

    Der zweite Punkt ist die Frage, ob Rassismus nun zum Mainstream werde. Ich denke nicht. Ich informiere mich zur Zeit aus der ARD (die Definition von Mainstream schlechthin), und dort wurde von Anfang an vor Rassismus gewarnt:

    http://www.ardmediathek.de/tv/Tagesthemen/tagesthemen/Das-Erste/Video?documentId=32601712&bcastId=3914

    Hier noch weitere Kommentare:
    https://www.tagesschau.de/kommentar/kommentar-sexismus-101.html
    https://www.tagesschau.de/kommentar/kommentar-silvester-koeln-reschke-101.html

    Nun noch die einzelnen Minuten, zu denen ich etwas zu sagen habe:

    1:15 Rassismus als Mainstream: Ich verfolge das Thema auf der ARD und höre mir dort auch die Kommentare an. Wenn etwas Mainstream ist, dann die ARD. Hier sind zum Beispiel die Tagesthemen vom 5. Januar. Die Gefahr des Rassismus wird von Anfang an thematisiert.

    Minute 2:10: Das Narrativ vom muslimischen Mann, der deutsche Frauen belästigt. Jetzt passiert es wirklich.

    Minute 5:00: Es ist nur noch erlaubt, zu sagen: Die sind so. Man kann andere Männlichkeitskonstruktionen in anderen Kulturen nicht mehr diskutieren.

    Das stimmt nicht – einfach die ARD-Berichterstattung sich anschauen.

    Minute 7:00: Der Diskurs ist vergiftet – das beginnt schon bei der Frage, ob die Herkunft genannt wird oder nicht.

    Minute 8.20: Auf der Pressekonferenz wurde gelogen.

    9:45: Es hat ins gute Bild gepasst:

    11:25: Man kann nur verstehen (analysieren?), was man an Fakten hat.

    12:20 Wenn Menschen aus Kulturen mit einem patriarchaleren Geschlechterverhältnis kommen, müsste man ihnen zeigen, dass es bei uns anders und besser ist.

    Minute 13:30: Der öffentliche Diskurs läuft Amok, wenn mehrere Unterdrückungsachsen sich schneide.

    Minute 14:40: Vorwurf der Relativierung, Verharmlosung, Erklären, Verstehen.

    (Bezug auf verstehende Jugendarbeit und Verzicht auf Grenzen.)

    17:00: Gibt es vielleicht wirklich kulturelle Differenzen, und was passiert, wenn man mit diesem Verständnis in unsere Gesellschaft kommt?

    18:05: Falsch interpretierte Signale (oder Legitimation).

    Minute 19:00: Endlich werden diese sexuellen Belästigungen ernst genommen.

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